Kostenloser Nahverkehr
Kostenloser Nahverkehr taucht regelmäßig als populäre Forderung auf – als Versprechen von sozialer Gerechtigkeit, Klimaschutz und einfacher Nutzung für alle. In Deutschland erhielt die Idee 2018 neuen Schwung, als die Bundesregierung in einem Schreiben an die EU-Kommission überraschend vorschlug, in fünf Städten Modellversuche mit einem Nulltarif zu starten: Bonn, Essen, Herrenberg, Reutlingen und Mannheim.1 Ziel war es, drohende EU-Sanktionen wegen Überschreitung der Abgasgrenzwerte abzuwenden. Die betroffenen Städte waren in die Pläne nicht einbezogen worden, was sofort für Irritationen sorgte.2
In Fachkreisen und Verbänden überwog Skepsis: zu hohe Kosten, fehlende Infrastruktur, ungelöste Kapazitätsfragen. Auch BSAG, verschiedene Verbände und Parteien in Bremen lehnten den Nulltarif ab. In der Bevölkerung und bei Teilen der Linken sowie der Klima- und Umweltbewegung fand er dagegen breiten Zuspruch.
Internationale Erfahrungen #
Tallinn führte den Nulltarif 2013 ein. Die Ergebnisse sind gemischt: Der Nulltarif selbst erhöhte die Fahrgastnachfrage um 1,2 Prozent; der wesentliche Fahrgastzuwachs von insgesamt 10 bis 15 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau stammte vor allem aus begleitenden Maßnahmen wie neuen Busspuren und kürzeren Fahrzeugfolgezeiten.3 Der Anteil des ÖPNV am Modal Split sank zwischen 2013 und 2017 dennoch um 16 Prozent.4 In Dünkirchen wurde der Nulltarif 2018 eingeführt; Fahrgastzahlen stiegen, ein dauerhafter Rückgang des Autoverkehrs ließ sich nicht belegen.5
Ein zentrales Forschungsergebnis: Neue Fahrten entstehen häufig nicht durch Umsteiger vom Auto, sondern ersetzen Wege zu Fuß oder mit dem Rad.3
Die Finanzierungsfrage #
“Kostenlos” ist irreführend: Für Fahrgäste wäre die Nutzung kostenlos, der Betrieb muss aber weiterhin finanziert werden – durch kommunale Umlagen, Parkgebühren, Abgaben auf Autoverkehr oder öffentliche Haushalte. Mehr Fahrgäste bedeuten mehr Fahrzeuge, Personal und Infrastrukturbedarf. Ohne gesicherte Mehreinnahmen drohen Qualitätseinbußen, Angebotskürzungen oder Überlastungen.
Position von Einfach Einsteigen #
Das Konzept von Einfach Einsteigen wird immer wieder fälschlicherweise mit der Idee eines kostenlosen Nahverkehrs gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich um ein anderes Modell: eine solidarische Umlagefinanzierung, die den Nahverkehr verlässlich und planbar finanziert, ohne ihn kostenlos zu machen.
Wir stehen einem vollständig kostenlosen Nahverkehr unter den aktuellen deutschen Rahmenbedingungen skeptisch gegenüber. Ein Nulltarif, der ohne begleitenden Angebotsausbau eingeführt wird, kann dem Nahverkehr sogar schaden: Überfüllte Busse, sinkende Zuverlässigkeit und schlechtere Servicequalität würden die Akzeptanz eher verringern. Wer den ÖPNV stärken will, muss zuerst in Angebot, Personal und Infrastruktur investieren.
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Medienberichte zum Bundesregierungsschreiben an die EU-Kommission, Februar 2018 – Primärquelle (Schreiben selbst oder offizielle Pressemitteilung) zu benennen. ↩︎
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Reaktionen der betroffenen Städte dokumentiert u. a. in: Zukunft Mobilität, „Unentgeltliche Nutzung des Nahverkehrs in Tallinn ab 2013": zukunft-mobilitaet.net ↩︎
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Zukunft Mobilität, „Erfahrungen mit dem Nulltarif in Tallinn", Februar 2018: zukunft-mobilitaet.net ↩︎ ↩︎
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Initiative Offene Gesellschaft, „Das Experiment von Tallinn geht weiter": offenegesellschaft.org ↩︎
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Zukunft Mobilität, „Dünkirchen: Kostenfreie Nutzung des ÖPNV als Bestandteil einer umfassenden ÖPNV-Strategie", März 2020: zukunft-mobilitaet.net ↩︎